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von Martina » 26.02.2004 09:48
Wow, super, das wird ja spannend.
Da ich im Moment eh nicht viel zu tun habe, versuche ich mich mal daran. Was ich schreibe, ist allerdings nicht abschliessend die "Wahrheit", sondern auch mein Eindruck und meine Meinung.
Trotzdem möchte ich vielleicht meine Kriterien vorausschicken.
Die ersten drei Sequenzen sind lange, gecarvte Schwünge.
Wann ist das für mich "richtig" und "gut"?
1) Die Kurven sollen gecarvt sein, d.h. möglichst kein Driftanteil (geschnitten)
2) Die Skiführung soll parallel sein. Fahren die Ski auseinander (divergierend, V-Stellung) oder gegeneinander (konvergierend, Pflugstellung) ist das meist ein Zeichen, dass ein Ski aktiv zu stark/zu schwach belastet wurde und somit früher oder später auch "von der Kante" käme (kann aber oft wieder korrigiert werden).
Ich versuche, alle drei Sequenzen zusammen zu kritisieren. Da Video unerbittlich ist und man jede Kurve x-mal anschauen kann, "verführt" es einem oft dazu, jedes Detail in jeder Kurve zu analysieren ("In der dritten Kurve geht nach der Fallinie kurz der Innenski weg, weil..." - dabei lag da vielleicht einfach grad ein Schneeklumpen oder so). Deshalb versuche ich stets, eine Übersicht zu gewinnen und darauf zu achten, was "typisch", d.h. immer wiederkehrend ist. (Natürlich kann man trotzdem darauf hinweisen, wo etwas typisch zu sehen ist oder eben gerade nicht!)
Die Aufteilung Beobachtung/Beurteilung/Beratung stammt aus dem CH-Lehrmittel und ist für mich ein sinnvolles Analysemittel.
Also los:
Erster Eindruck: schöne, "schulmässige" Carvingdemonstration.
Grundsätzlich werden die Ski "laufengelassen", d.h. es wird nicht mit Kraft etwas erzwungen.
Beobachtung (gemäss der Kriterien oben):
1) Es gibt einen kurzen Driftanteil (u.a. erkennbar am plötzlich aufstiebenden Schnee) kurz nach der Fallinie, d.h. anfangs Steuerung (Phase 3 oder wie auch immer man das in den verschiedenen Gegenden nennt).
2) Im gleichen Moment, d.h. ganz kurz nach der Fallinie, gehen die Ski meist kurz in einen leichte V-Stellung. Dies wird von dir aber jeweils schnell korrigiert.
Beurteilung:
Ich bin überzeugt, der kurze Drift und das kurze Divergieren hat die gleiche Ursache.
Ich sehe deren zwei:
- Grundsätzlich werden die Ski "laufengelassen", d.h. es wird nicht mit Kraft etwas erzwungen. Vor allem anfangs der Kurven gibst du dem Ski schön Zeit, die Kurve anzufangen. Das ist prima!
Nun fährst du aber auf relativ wenig steilen Pisten, folglich wirst du nicht extrem schnell und es treten keine extremen Kräfte auf. Irgendwie hast du dann im Verlauf der Kurve das Gefühl, "etwas machen zu müssen" ("Druck geben zu müssen"???). Deswegen lehnst du dich nach der Fallinie plötzlich stärker in die Kurve und "setzt dich auf den Innenski", d.h. belastest diesen plötzlich stärker. In der Folge stimmt die Verteilung der Kraft plötzlich nicht mehr und beide Ski (oder nur einer?) kommen leicht in Drift und der Aussenski fährt einen zu weiten Radius (bzw. Innenski zu engen) -> Ski laufen auseinander, die Abstimmung stimmt nicht mehr. Du korrigierst das aber jeweils sofort wieder (Sekundenbruchteil)!
- Ich glaube aber, oben beschriebene Ursache hat wiederum eine Ursache und diese steckt in der Auslösung (Anfang der Kurve, Phase 1):
Ich glaube, du löst die Kurve nicht nur durch gleichzeitiges Umkanten der Ski, sondern auch durch eine verstärkte Belastung des äusseren/oberen Skis und gleichzeitige Enlastung des inneren/unteren Skis (-> leichtes Umsteigen, das haben wir kürzlich hier ausführlich diskutiert! Meiner Meinung nach nicht sinnvoll, weil eben folgendes passiert:). Dann schiebst du denn unteren/inneren/entlasten Ski relativ stark vor (auch dies empfehlen einige - ich finds auch nicht sinnvoll, weil:). Der Druck ist (zu) stark auf dem Aussenski, nicht wegen der starken Fliehkräfte, sondern weil du den inneren/unteren Ski entlastet hast.
Nach der Fallinie "merkst" du dann, dass auf dem inneren, stark vorgeschobenen Ski kaum Druck ist und versuchst nun, diesen "herzustellen" - indem du eben mehr Gewicht darauf verlagerst. Da dieser deutlich ("künstlich", d.h. mehr als die Schräglage es erfordert = nicht zweckmässige Schrittstellung) weiter vorne ist als der äussere Ski, kannst du ihn aber nicht sauber fein auf die Kante legen und das Ganze hat die oben beschriebenen Folgen: Skis driften kurz, laufen leicht auseinander.
Du kannst diese winzig kurze "Fehlstellung" immer sofort korrigieren.
Wie kommt das?
Einerseits ist besonders in den ersten zwei Sequenzen die Piste gleichmässig und nicht völlig verfahren. Das hilft natürlich.
Andererseits ist das aber auch deiner Position zu verdanken: Du stehst sehr gut im Gleichgewicht, d.h. du belastest den Ski zentral, fällst nicht nach vorne oder hinten. Ausserdem fährst du meiner Meinung nach stets mit einer angemessenen "Body Separation", d.h. du brauchst genau so viel/wenig Hüftknick, dass du immer stabil bist und die Drehung des Oberkörpers begleitet den Ski meist optimal (Oberkörper grundsätzlich in Fahrtrichtung, kein übermässiges an- /mit- oder überdrehen). Diese stabile Haltung erlaubt dir, "Fehler" immer sofort auszugleichen.
Achtung: auffallend! In der dritten Sequenz war die Piste offenbar buckliger, verfahrener, offenbar lagen auch mehr Schneehaufen herum. Höchst interessant finde ich dort die zweite Kurve: Du setzt gerade an, den inneren Ski wie immer stark nach vorne zu schieben. Dies wird aber von einem Buckel/Schneehaufen verhindert. In der Folge hast du die Beine in dieser Kurve näher (Längsachse, ich meine nicht enger) zusammen (=angemessene Schrittstellung). Folglich musst du auch kein Gewicht auf den Innenski verlagern - die Verteilung stimmt. Schade, dass du dort aufgrund der Piste die nächste Kurve so schnell ansetzen musst - es wäre schön gewesen zu sehen, wie die Kurve ausgefahren geendet hätte!
Beratung:
Arbeite über die Auslösung/den Anfang der Kurve! Beobachte dich einmal selber:
- Stimmt es,dass du um die Kurve anzufangen, den unteren/innern Ski entlastest und den äusseren belastest?
- Stimmt es, dass du den inneren Ski anfangs Kurve aktiv relativ stark nach vorne schiebst? (Das stimmt sicher!)
Um das richtig zu merken, kannst du eine Gegensatzerfahrung ausprobieren:
- Versuch mal, beim Anfang der Kurve den unteren/inneren Ski stärker zu belasten.
- Versuch mal, dann den Innenski zurückzuziehen
(Es ist sehr schwierig, diese Dinge bei sich selber zu beobachten, da einem das, was man normalerweise macht, meist angenehmer vorkommt, auch wenn es weniger Sinn macht. Soviel zum Thema "jeder merkt, was für ihn am besten ist"...)
Mögliche Übungen:
- "Teleboy" (für Schweizer - auch Nicht-Skifahrer - ein Begriff, für andere: Stehaufmännchen): auf flacher, gleichmässiger Piste (Autobahn) in Fallinie anfahren. Geraden Körper leicht nach links kippen (Ski dabei gleichmässig aufkanten) - leicht nach rechts kippen- etc. Immer langsam, warten bis die Ski reagiert haben. Immer nur so viel, dass man die Knie nicht richtig fest beugen muss.
Gibt ein gutes Gefühl für das gleiche Aufkanten und Belasten beider Ski und die Reaktion derer.
- Carven auf einfacher Piste (ohne Stöcke) mit den Händen auf den Oberschenkeln. Anfang Kurve auch unterer/innerer Ski belasten (mit er Hand drücken), dann Innenski nicht vorschieben (mit der Hand zurückdrücken). Die Hände müssen natürlich nicht richtig stark drücken, dienen viel mehr als "Sensoren", da ich überzeugt bin, dass sowohl das Entlasten des Innenskis wie auch das Vorschieben intuitiv sind und du es ev. mittels der Hände besser wahrnehmen und ändern kannst.
- "Belag spüren": (schwierig zu beschreiben) langsam, auf sehr flacher, einfacher, leerer Piste: Vor der Kurve stehst du auf beiden Bergkanten - versuche, beide Bergkanten zu spüren, vergewissere dich, dass du auf beiden stehst. Stell dann beide Ski auf den Belag (->Auslösung). Versuch, den Belag zu spüren, d.h. dass beide Ski flach sind. Stell dann beide Ski auf die inneren Kanten (ca. Fallinie). Versuche, beide inneren Kanten zu spüren.
Zusätzlich können die Hände (ohne Stöcke) die Position der Ski imitieren.
Hast du erst einmal ein Gefühl entwickelt, kannst du auch etwas schneller fahren.
Achtung: Diese Übung dient auch der "Geduld" bei der Auslösung. Sie ist allerdings für viele Leute schwer nachzuvollziehen (erst recht nach nur schriftlicher Anweisung)!
- "Aussenski überholt Innenski": in steilerem Gelände. Es kann sein, dass dir dort der Aussenski mehr ausbricht, d.h. dass beide Ski stärker divergieren. Im Extremfall fällst du dann um. Es kann sein, dass es hilft, wenn du dir ab der Fallinie vorstellst, der Aussenski müsse den Innenski überholen. Ev. kannst du die Kurven dann schön "zumachen". Das geht aber nur, wenn du in der Auslösung den Innenski nicht zustark vorgeschoben hast, sonst fällst du nach hinten. Diese Übung alleine wäre eine reine Symptombekämpfung.
Das Problem bei der ganzen Beratung ist, dass hier der Dialog (auch ein Begriff aus unserem Lehrmittel) zwischen Athlet und Coach stattfinden sollte. Man müsste immer etwas fahren, feedback geben, Fragen was spürbar ist und was nicht und die unmittelbaren Auswirkungen anschauen. Das geht leider nicht schriftlich. Das ist aber auch gut so, sonst wären wir bald arbeitslos!
Interessant ist hier, dass das "Problem" meiner Meinung nach in der Auslösung (Anfang) der Kurve steckt, die Auswirkung (Drift, V-Stellung) aber ganz woanders sichtbar wird, nämlich wenn die Steuerung der Kurve anfängt (Das ist allerdings meistens so, leider wird sehr oft Symptombekämpfung à la "weniger Schrittstellung!" betrieben...)
Des weiteren muss ich anfügen, dass ich den Skischülern niemals all das,was ich oben beschrieben habe, an den Kopf werfen würde.
Grundsätzlich ist die Beratung das, was der Lernende hört - selbstverständlich mit einer Begründung (insofern er die will und versteht). Dann kommt auch stets nur ein Punkt aufs mal (meist ist alles gekoppelt, deswegen bei der vermuteten Hauptursache anfangen).
Arbeite ich länger mit jemandem (Skilehrerkandidat, Athlet, Stammskischulgast etc.) dann wird die Analyse natürlich tiefgreifender, je länger man zusammenarbeitet. Diese Leute sind mit der Zeit auch in der Lage und daran interessiert, die Hindergründe (Beobachtung/Beurteilung) zu verstehen. Man arbeitet ja meist über längere Zeit an etwas, dann ist es auch nicht zuviel an Information.
So, jetzt habe ich mich mal exponiert und warte jetzt auf Kritik der Kritik!
Wie gesagt, vielleicht liege ich auch ganz falsch. Nach wie vor haben ich kaum mehr als 10 Kurven von dir gesehen...
(Ich habe jetzt keine "Weiterentwicklung" angefügt, d.h. Ideen und Tipps was du jetzt machen könntest, um deinen Stil weiterzuentwickeln, weiteres auszuprobieren, zu spielen,... Erstens weiss ich nicht, was du da schon gemacht hast/machst und zweitens habe ich jetzt mal genug geschrieben... auch Kurzschwingen schaue ich später mal an)