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Japow

Verfasst: 14.03.2026 08:48
von gebi1
Hallo zusammen

Hier ein kleiner Reisebericht über einen langjährigen Traum, der nun in Erfüllung gegangen ist. Schon seit vielen Jahren wollte ich nach Japan. Nachdem ich 2020, zusammen mit meinem Sohn, den Champagnerpowder Colorados genoss, ergab sich nun die Möglichkeit endlich Japan zu bereisen. Mein Sohn, 22 Jahre alt, gönnte sich ab Weihnachten eine schöpferische Pause und bereiste Thailand, Kambodscha und Laos. Warum nicht die Zeit nützen, um uns in Japan zu treffen? Jetzt oder nie, werde ich doch schon bald 60 und die Kraft wird ganz sicher nicht mehr. Am 8. Februar war es soweit. Wir trafen uns in Osaka. Es war von Beginn an klar, dass die Reise nicht nur dem Skifahren gewidmet sein soll. Osaka, die alte Hauptstadt Japans, verzückte uns mit schon blühenden Kirschbäumen, wunderbaren Tempeln, einer traditionellen Hochzeit, der wir zufällig beiwohnen durften, dem typisch japanischen Grossstadtflair und kulinarischen Höhen- und manchmal auch Fehlschlägen. Nach 5 Nächten in Osaka flogen wir nach Sapporo. Dieser Ort ist für mich mit den goldenen Tagen von 1972 verbunden. Bernhard Russi und Marie Theres Nadig. Es war der erste sportliche Grossanlass meiner Kindertage, der damals meinen Entschluss Skirennfahrer zu werden befeuerte. Das hat dann zwar nie geklappt, bis auf ein paar Regionalrennen habe ich kein Palmares.

Als wir in Sapporo landeten zeigte sich Hokkaido von seiner winterlichsten Seite. Dichtester Schneefall, meterhohe Schneemaden am Strassenrand. Die Vorfreude auf pulvrige Tage stieg. Am nächsten Tag reisten wir mit U-Bahn und Zug nach Teine, dem Skigebiet das 1972 die alpinen Bewerbe beherbergte. Teine ist das grösste Skigebiet in der Stadt. Die Fahrt dauert ca. eine Stunde. Im örtlichen Laden, gleich beim Bahnhof, liehen wir uns für 11 Tage Powderski, mit der Option sie jederzeit wechseln zu können. 350.- CHF für zwei Personen ist mehr als ein fairer Preis. Feines Material von Line, K2, Salomon, Faction, Icelantic und Rossignol war im Angebot. Das Prozedere ging rasch über die Bühne und 30 Minuten später klickten wir ein. Teine bietet, wie alle folgenden Skigebiete, flache Übungshänge, steile, teilweise unpräparierte Pisten und ganz viel Gelände, meist im Wald. Nach einer Testrunde auf der Piste wagten wir uns ins Gelände und wurden von diesem federleichten Powder geradezu trunken. Was für ein Gefühl, schweben auf Wolken, ohne jeglichen Kraftaufwand.

In den nächsten Tagen klapperten wir alle Skigebiete rund um Sapporo ab. Der Knaller war Moiwa. Ein kleines Skigebiet, das fast nur von Einheimischen besucht wird. An diesem Tag schneite es unaufhörlich und bescherte uns hüfttiefen Powder, so dass wir uns so richtig austoben konnten. Zwischendurch legten wir eine längere Pause ein, um dann bis in die Nacht weiterzufahren. Um die grossen Skigebiete machten wir bewusst einen Bogen. Der Charme dieser kleinen Resorts ist unvergleichlich und wir hatten keine Lust auf Rummel und Touristen. Für mich, der in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Skifahren gelernt hat, war dieses Eintauchen in längst vergangene Zeiten wunderbar. Diese alten Sessellifte, immer bedient von viel zu viel überfreundlichem Personal, machten für mich einen nicht ungewichtigen Teil dieses Skiabenteuers aus.

Wir probierten auch noch verschiedene Parks aus (also vor allem mein Sohn) und versuchten uns an zertifizierten Buckelpisten. Die ortsansässige Jugend gab uns einen Crashkurs im Buckelpistenfahren. Wir durften sogar Material ausleihen und hatten einen Riesenspass. Das Fahren mit den untaillierten, schmalen, kurzen Ski hat was und ist natürlich auch so ein Retroding. Einen Tag mussten wir eine Zwangspause einlegen. Sapporo wurde von einem heftigen Blizzard mit starkem Wind heimgesucht. Nichts ging mehr, Sapporo versank an diesem Tag regelrecht im Schnee. Wir nutzten den Tag, um in unserer Wohnung rumzulümmeln und uns zu erholen. Die letzten zwei Tage brachten dann warmes Frühlingswetter und Sulz. Wir wechselten die Ski und flogen durch die Sulzbuckel.

Was wir als sehr angenehm empfunden haben, sind die grosszügigen Aufenthaltsbereiche in den Resorts und das feine Essen. Keine Pommes sondern Ramen in allen Möglichkeiten. An allen Skitagen waren wir begeistert von der immer höchst entspannten und freundlichen Atmosphäre.

Den Abschluss bildeten noch ein paar Tage Tokyo. In den Wochen in Japan habe ich mich immer unglaublich wohl gefühlt. Die Menschen sind zwar etwas distanziert aber immer äusserst höflich und freundlich. Da wir versuchten den grossen Touristenströmen möglichst aus dem Weg zu gehen und auch unsere Wohnungen so wählten, dass sie zwar verkehrsgünstig gelegen aber in nichttouristischen Stadtteilen waren, bekamen wir ziemlich viel Authentizität mit. Noch nie habe ich mich in einer fremden Kultur auf Anhieb so wohl gefühlt wie in Japan. Mit einem Tränchen in den Augen, als der Flieger in Tokyo abhob, dachte ich an die vielen schönen Stunden die wir gemeinsam im schönsten Powder der Welt verbringen durften. Es ist auch ein Privileg so etwas mit seinem erwachsenen Sohn machen zu dürfen. Da ahnte ich noch nicht, dass wir nur zwei Stunden später wieder in Narita landen mussten. Die USA und Israel hatten unsere Heimreise jäh beendet. Also rasch einen neuen Flug gebucht. Diesmal nicht Qatar Arways sondern Japan Airlines, via Frankfurt heim in die Schweiz. Zwei Nächte verbrachten wir noch in einem Flughafenhotel, dankbar nicht in Doha gestrandet zu sein.

Mit etwas Wehmut muss ich gestehen, dass ich diese Reise schon vor langer Zeit hätte machen sollen. Bekanntlich ist es aber nie zu spät, um seine Träume zu erfüllen.